Für Menschen mit Essstörungen kann ein gemeinsames Essen zur absoluten Qual werden. Was für andere selbstverständlich ist, wird für Betroffene zum inneren Ausnahmezustand. Der Druck, normal zu wirken, die ständige Bewertung des eigenen Verhaltens und die Angst vor Kommentaren lassen jede Mahlzeit in Gesellschaft zur Belastungsprobe werden.
Expertin Andrea Ammann erklärt, dass für viele ihrer Klientinnen ein gemeinsames Essen wie ein Auftritt wirkt, bei dem sie perfekt funktionieren müssen. Essen dient dann nicht mehr der Nahrungsaufnahme, sondern wird zur extrem stressvollen Herausforderung. Dieser Stress verstärkt den Teufelskreis aus Kontrolle, Scham, Druck und Angst.
Essen in Gesellschaft ist für Betroffene deshalb so belastend, weil es längst keine neutrale oder genussvolle Handlung mehr ist. Stattdessen ist es mit strengen Regeln, Verboten und einem hohen Maß an Selbstkontrolle verbunden. Während andere entspannt essen, müssen Menschen mit Essstörungen ihr Verhalten ständig steuern, belastende Gedanken unterdrücken und nach außen hin so tun, als sei alles in Ordnung.
Besonders deutlich zeigt sich diese Überforderung bei Menschen mit Magersucht. Schon der Anblick eines gefüllten Tellers kann massiven Stress auslösen. Bei Bulimie dominiert häufig das Denken in Extremen – noch vor der Einladung steht fest, ob an diesem Tag nichts, nur Gesundes oder extrem viel gegessen wird.
Typisch für gemeinsame Mahlzeiten ist bei Betroffenen eine ständige gedankliche Aktivität rund ums Essen. Diese innere Daueranspannung verhindert echte Präsenz – Betroffene sind körperlich anwesend, aber innerlich vollkommen mit Stress, Angst und Selbstkontrolle beschäftigt.
Viele Betroffene ziehen sich deshalb zunehmend aus dem sozialen Leben zurück. Doch dieser Rückzug verstärkt langfristig nur Einsamkeit und Isolation. Erst wenn die tieferliegenden Ursachen der Essstörung erkannt und bearbeitet werden, kann sich der Umgang mit Essen verändern.
Für Angehörige und Freunde ist Normalität die wichtigste Unterstützung. Keine Sonderregeln, keine Kommentare und kein Fokus auf das gestörte Essverhalten helfen Betroffenen, den eigenen Druck zu reduzieren. Mit Verständnis, Geduld und professioneller Unterstützung kann gemeinsames Essen wieder zu einem Moment der Verbindung und Fürsorge werden.
Mehr Informationen unter: https://andrea-ammann.com/
(Bildrechte: Andrea Ammann / Fotograf: Marco Weh)